A E P A L I Z A G E

Vorsicht mit Eurer Gottesfurcht!

von Frater Fuchs

Es gibt unter den vielen unterschiedlichen Magierinnen und Magiern auf der Welt sehr viele, die für ihre Magie Gottheiten anrufen. Sie bitten um Hilfe, sie invozieren ihre Kraft, damit die Magie stärker und wirksamer wird. Und in der Tat kann es sehr hilfreich sein, für den magischen Erfolg bestimmte Gottheiten zu rufen, die mit dem magischen Ziel assoziiert werden.

Aber es gibt hier einen wichtigen Aspekt, den man dabei beachten sollte.

In meinen Augen externalisieren wir unsere eigene Macht in den Paradigmen, Techniken und auch Gottheiten, die wir für unsere Magie nutzen. Wir externalisieren diese Macht, weil es für uns sehr, sehr schwierig ist, daran zu glauben, dass wir weder Zauberstäbe, noch Räucherungen, weder schwarze Roben, noch Kelche, weder Trancetanz noch Gebet, weder das Singen von Mantren, noch Atemtechniken brauchen, um Magie zu wirken. Es würde ein Fingerschnips ausreichen, um den selben Effekt zu erzielen, wenn wir in der Lage wären, daran zu glauben. Aber das sind wir nicht. Wir brauchen dieses Spiel, wir brauchen die Vorstellung der Wirksamkeit von Trance, Artefakten und Zaubersprüchen, weil die Vorstellung, dass nicht der Zauberspruch, sondern WIR es sind, die die Magie wirken (und NUR wir), viel zu unheimlich ist, zu groß, zu unglaublich.

Hier ist wichtig zu verstehen, dass zwar diese Artefakte und Gottheiten (=Projektionen) an sich keine magische Wirkung haben, dass wir aber doch ebendiese Wirkung erzeugen, dass wir die Gottheiten, die wir rufen, manifestieren und wirklich machen, indem wir an sie glauben. Sie haben tatsächlich eine Wirkung bekommen, sie sind tatsächliche Entitäten geworden, die ihren Einfluss auf die Welt haben, aber nur, weil wir das so erschaffen haben.

Das ist wirklich schwer zu fassen. Der psychische Zensor hat hier leichtes Spiel in einer Zeit, in der den meisten von uns das Staunen und das Glauben an Magie schon sehr früh abgewöhnt wird. „Daran glauben doch nur Kinder!“ hat sich eingefressen in unser Unterbewusstsein. Jede magische Handlung ist automatisch unterbewusst mit der Tatsache verknüpft, dass einen „normale“ Menschen entweder für dumm, einfältig oder sogar für geisteskrank hielten, wenn sie wüssten, dass wir gerade ein Symbol mit einem Stock in die Luft malen und uns davon eine Beeinflussung der Realität erhoffen. Gott ist tot, dass wissen wir seit Nietzsche. Und das obwohl wir hier in Europa in einer vom Christentum stark geprägten Kultur leben, einer Religion also, in der die zentrale Figur eine Mensch gewordene Gottheit ist. Dass wir aber alle dasselbe Potenzial haben, dass wir alle dieser Gott sind, dass es keinen Unterschied gibt zwischen uns und dem Universum, dass unsere Menschlichkeit nur ein Fenster ist, durch das unser Bewusstsein schaut, scheint völlig abwegig, falsch und kann schlichtweg von den allermeisten Menschen nicht geglaubt werden. Also brauchen wir Zauberstäbe und Gottheiten. Wir brauchen sie als Brücke, hin zu unserer versteckt schlummernden magischen Kraft.

Aber wenn man das alles zuende denkt, wird folgendes klar: Dadurch, dass wir durch unseren Glauben und unsere magische Arbeit mit Gottheiten diese auch erschaffen, externalisieren wir unsere Macht in diese Wesen hinein, die dann selbstständig agieren können. Das bedeutet, dass je gottesfürchtiger wir sind, je mächtiger und größer wir unsere Gottheiten zeichnen, und je mehr wir sie vor allem als unsere Herrscher und Könige definieren, wir uns selbst umso ohnmächtiger machen: Der Erfolg unserer Magie hängt nicht länger von uns oder der Ausübung eines Rituals ab, sondern von der Gnade unserer Götter.

Mein Rat ist daher, sich als Magier/in immer bewusst zu machen, dass die Götter, die wir rufen, von uns erschaffen werden und nur durch uns wirken können, und dass am Ende wir es sind, die die Welt verändern.