von Frater Fuchs

Vor wenigen Tagen habe ich erfahren, dass Peter James Carroll am 22. April gestorben ist. Mit ihm geht einer der prägendsten, widersprüchlichsten und zu Teilen wohl auch unbequemsten Stimmen der modernen Magie.
Es fällt mich nicht leicht, über ihn zu schreiben. Nicht, weil mir die Worte fehlen würden, sondern weil meine Beziehung zu seinem Werk und seinem Einfluss nicht einfach war, abgesehen von der Tatsache, dass ich eines der vielen heutigen IOT-Mitglieder bin, die Carroll nie persönlich kennengelernt haben.
Ich habe seinen Stil oft als spröde, manchmal als unnötig provokant oder selbstgewiss empfunden. Viele seiner Thesen habe ich nicht geteilt, manche habe ich sogar entschieden abgelehnt. Und doch wäre es unehrlich, so zu tun, als hätte er mich – und viele andere – nicht tief geprägt.
Pete Carroll war kein Autor, der gefallen wollte. Er schrieb nicht, um zu trösten oder um zu bestätigen. Seine Texte forderten heraus, rieben, widersprachen. Sie stellten Gewissheiten infrage, auch dort, wo man sich gerade erst neue aufgebaut hatte. Vielleicht war genau das ein Teil seiner eigentlichen Leistung: nicht Antworten zu liefern, sondern Werkzeuge, mit denen man gezwungen war, selbst weiterzugehen.
Als Mitbegründer der Chaosmagie hat er einen Raum geöffnet, der heute für viele von uns selbstverständlich erscheint, es aber keineswegs ist. Ein Raum, in dem Zweifel nicht als Schwäche gilt, sondern als Methode. In dem Glauben kein festes Gebäude ist, sondern etwas Bewegliches, Formbares. Und in dem Praxis oft wichtiger ist als Dogma.
Doch so bedeutend seine Ideen auch waren – für mich liegt sein vielleicht größtes Vermächtnis an anderer Stelle.
Er hat mit der Gründung der Illuminaten von Thanateros nicht nur eine magische Strömung mitgeprägt, sondern eine Gemeinschaft ins Leben gerufen. Eine Gemeinschaft, die für viele von uns zu etwas geworden ist, das weit über ein gemeinsames Interesse hinausgeht: Für mich persönlich ist der IOT zu einer Familie geworden, einer Wahlverwandtschaft, die trägt, herausfordert und begleitet.
Und das ist etwas, das sich nicht einfach aus Theorien und Büchern ableiten lässt. Es ist etwas, das wächst, das entsteht, wenn Menschen sich über viele Jahre hinweg begegnen, streiten, lernen, einander unterstützen und aneinander wachsen. Ohne den Impuls, den Carroll gesetzt hat, gäbe es diese Verbindungen nicht.
Vielleicht liegt genau darin die paradoxe Wahrheit: Man muss nicht alles teilen, was jemand gedacht oder geschrieben hat, um zu erkennen, wie bedeutsam sein Wirken war. Dankbarkeit bedeutet nicht Zustimmung in allen Punkten. Sie bedeutet, anzuerkennen, dass jemand Spuren hinterlassen hat, die das eigene Leben auf positive Weise verändert haben.
Peter J. Carroll war eine solche Figur für mich. Unbequem, prägend, nicht leicht einzuordnen – und gerade deshalb schwer zu ersetzen.
Was bleibt, sind nicht nur seine Bücher oder seine Konzepte. Was bleibt, sind die Menschen, die durch seine Arbeit zueinander gefunden haben und die ihn nun in den Kreis ihrer Ahnen aufnehmen und dadurch ehren.
Carroll lebt weiter in unseren Gesprächen, Erfahrungen, Freundschaften. Dinge, die sich nicht mehr von seinem Einfluss trennen lassen, auch wenn sie längst ein Eigenleben entwickelt haben.
Ich denke das die nachhaltigste Form von Vermächtnis: nicht das geschriebene Wort, sondern das, was zwischen Menschen entsteht.
In diesem Sinne:
JESNUHS
