von Soror Tanzender Waran
Geh in der Verwandlung aus und ein.
Was ist deine leidendste Erfahrung?
Ist dir Trinken bitter, werde Wein.
Rainer Maria Rilke, XXIX. Sonett
Die Welt in der wir leben spaltet sich zunehmend in Blasen auf, die kaum noch miteinander kommunizieren. Eine Erfahrung die zu anderen Zeiten nur von oder mit radikalen kleinst-Minderheiten gemacht wurde, ist mittlerweile fast schon allgemein üblich. Verschiedene Szenen, Gruppierungen, Weltanschauungen stehen sich zunehmend sprachlos bis latent – in einigen Fällen auch akut – gewaltbereit gegenüber. Diskurs wird durch Polemik und Diskreditierung oder eben einfach nur Sprachlosigkeit abgelöst.
Agressivere Gemüter brüllen oder Prügeln (und dies an allen Enden des Spektrums und auch in der Mitte), empfindsamere Gemüter vermeiden einfach bestimmte Themen, weil sie keinen Streit wollen. Beides führt natürlich nicht weiter.
Gemäßigtere Gemüter sprechen davon, daß man die „Anderen“ die „Uneinsichtigen“, die „Verführten“ nicht bekämpfen sondern überzeugen müsse.
Doch dies scheitert oft schon daran, daß der Wille zu überzeugen zwar durchaus vorhanden ist, das Bedürfnis oder überhaupt die Fähigkeit zu verstehen jedoch nicht.
Wen man nicht versteht, den wird man aber nicht überzeugen können. Mindsets die man nicht verstehen und nachempfinden kann, wird man weder mit Argumenten noch magisch beeinflussen können.
Der wirkungsvollste Dreiklang ist natürlich : Verstehen – Akzeptieren – Überzeugen. Das Akzeptieren mag dabei nur eine Zugabe sein, die die Sache leichter macht – aber ohne zu verstehen ist überzeugen unmöglich. Der Hacken an der Sache ist : wenn ich nur verstehen will um zu überzeugen – dann werde ich nicht wirklich verstehen.
Wenn man aber in sich selbst das Verlangen (Desire) zu verstehen erweckt – dann kann man dies auch auf andere Übertragen – dann könnte man auch magisch etwas bewirken. Denn jemand der das Verlangen hat zu verstehen – muß nicht mehr überzeugt werden – mit einem solchen Menschen kann man stattdessen in Ausstauch gehen und dies ist wertvoller als jedes „Überzeugen“.
Wenn alle an einem Austausch beteiligten Personen, das wirkliche Verlangen haben zu verstehen dann kann eine Dynamik entstehen, die wesentlich weiter führt , als nur zu überzeugen oder zu akzeptieren.
Ziel dieser Arbeit ist es ein Wort zu erschaffen, das sowohl bei einem selbst als auch bei allen Menschen in der Umgebung das Verlangen (desire) zu verstehen zu entfachen.
Frieden schließt man nicht mit seinen Freunden sondern mit seinen Feinden – und verstehen muß man nicht die Gleichgesinnten, sondern jene, die deutlich andere Positionen einnehmen.
Ablauf der Arbeit :
Alle – bis auf zwei – schreiben auf einen Zettel Ansichten, Meinungen, Haltungen und Handlungsweisen die sie entschieden ablehnen. Zu diesem Zeitpunkt ist der weitere Ablauf der Arbeit noch nicht bekannt, damit die Auflistung möglichst unbeeinflusst geschieht.
Es ist darauf zu achten, dass diese Kombination bei einem realen Menschen vorkommen könnte. (ein stalinistischer Salafist beispielsweise wäre recht unrealistisch. Solche Kombinationen gilt es zu vermeiden- es sei denn man kennt einen realen Menschen, der diese Haltungen in sich vereinigt).
- IAO
- Willensatz : Es ist unser Wille, ein Wort zu erschaffen, das das Verlangen zu verstehen entfacht.
- Zwei Magians sitzen sich in der Mitte gegenüber und steigern das Verlangen zu Verstehen in sich.
- Die anderen invozieren sich in einen Menschen, auf den die zuvor aufgelisteten Eigenschaften zutreffen. Es sollte aber kein Zerrbild und keine Karikatur invoziert werden. Sondern ein Mensch mit diesen Meinungen, Haltungen, Überzeugungen wie er wirklich denkt, fühlt und wahrnimmt. Wenn man einem solchen Menschen beschreiben würde, was man während der Invokation erlebt hat, dann sollte sich dieser vielleicht nicht akzeptiert aber verstanden fühlen. Er sollte sagen : ja so denke ich, so empfinde und sehe ich die Welt.
Die Invokation steigert sich in 3 Stufen :
- Denken
Denke so wie dieser Mensch, vollziehe seine Meinungen und Überzeugungen nach, begründe sie. Wenn dir die Begründungen die dir für solch ablehnenswerte Meinungen einfallen, nicht überzeugend erscheinen – dann finde bessere Gründe, die Überzeugender sind. Lass dich vollständig auf diese Art zu denken ein. - Wahrnehmen
Sieh die Welt mit den Augen eines solchen Menschen. Färbe sie so ein, wie das Denken von Stufe 1 die Wahrnehmung einfärbt. Jeder Mensch nimmt die Welt mehr oder weniger selektiv war. Nimm die Selektion eines solchen Menschen an – richte deinen Blick auf jene Teile der Welt, die solch ein Mensch vorwiegend sieht, und blende andere Teile aus. Mache einfach das, was du immer machst, nur eben mit entsprechend anderer Ausrichtung. - Fühlen
Fühle empfinde die Welt so wie sie solch ein Mensch fühlt und empfindet. Fühle nach, wenn du so denkst, die Welt so wahrnimmst – welche Empfindungen löst die aus ? Urteile nicht – gehe immer tiefer in diese Empfindungen.
- Diese mentale und emotionale Anstrengung wird eine geistige Substanz erzeugen – eine Substanz, die an sich nichts mit den invozierten Gedanken, Wahrnehmungen und Gefühlen zu tun hat, sondern allein durch die Anstrengung diese hervorzurufen erzeugt wird.
- Auf ein Signal hin wird diese Substanz in die Mitte, auf die zwei Magians die dort sitzen gelenkt – nur diese Substanz, nicht die Gedanken und Gefühle, die man ja eigentlich ablehnt.
- Die zwei Magians nehmen diese Substanz auf und beginnen eine Glossolalie bis sie schließlich zu einem gemeinsamen Wort kommen, das dann laut ausgesprochen wird. erst nur von Ihnen, dann von allen.
Das Wort das bei dieser Arbeit gefunden wurde lautet : Awahlaka (bei weiteren Arbeiten könnten weitere Worte gefunden werden – es kann nicht nur eines geben)
PS: Magian ist ein geschlechtsneutrales Wort für Magier/Magierin.
