Der Zeitliniensprung der Wüstenmakrelen


von Frater Rätselhafter Pinguin

Zeitlinien entstehen in jedem Moment, in dem es Alternativen gibt. Das, was geschieht, erschafft eine Zeitlinie. Bevor es geschieht, ist vieles möglich. Vielleicht geschieht auch alles was geschehen kann und es entstehen in jedem Moment nahezu unendlich viele Paralleluniversen, in denen sich die Zeitlinien in einer gigantischen Baumstruktur immer weiter aufspalten. Das ist faszinierend, für die Praxis aber ohne Belang. Für die Praxis ist nur von Bedeutung, wohin in einer bestimmten Situation die Reise geht. Sagen wir zwei Züge würden auf einem Gleis mit großer Geschwindigkeit aufeinander zurasen. Das Ergebnis ist vorhersehbar – da muss man sich nichts vormachen. Es sei denn, es taucht gerade noch rechtzeitig eine Weiche auf. Dann nimmt alles einen anderen Verlauf. Auf Bahnlinien tauchen Weichen nicht plötzlich aus dem Nichts auf. Im wirklichen Leben tun sie genau das jedoch ständig. Es gibt zahlreiche Arten, einen Zeitliniensprung gut vorzubereiten. Die hier vorgestellte Technik ist für Situationen, in denen es schnell gehen muss. Das Ziel des Sprungs ist entsprechend vage, es kommt an sich nur darauf an, auf einer Zeitlinie zu landen, die soweit O.K. ist. Für die vorliegende Arbeit werden zwei Zielimpulse vorbereitet. Ein Zielimpuls ist ein Impuls, der einen Sprung in die ungefähre Richtung auslöst. Man kann natürlich mehr als zwei Impulse im Repertoire haben, solange man in der Lage ist, einen Impuls spontan und ohne langen Vorlauf zu aktivieren. Eine einfache Methode Zielimpulse vorzubereiten: *Versetze Dich in einen geschützten, komfortablen Raum. Es ist alles da, was Du brauchst, um Dich gut zu fühlen, Dich weiterzuentwickeln, zu wachsen, zu genießen – solange, bis Du diesen Raum verlassen möchtest. Gestalte diesen Raum aus, bis es sich rund anfühlt, aber gehe nicht zu sehr ins Detail. Achte mehr darauf, wie es sich anfühlt, in diesem Raum zu sein. Finde eine Farbe, einen Ton oder eine Tonfolge, einen Duft der dem entspricht. Verknüpfe dies mit dem Raum, so dass Du damit das “Raumgefühl” jederzeit aktivieren kannst. *Versetze Dich in eine Bewegung, die durch Begriffe wie “Befreiung”, “neue, ungeahnte Möglichkeiten”, “überraschende Wendung”, “weiter Horizont” usw. umschrieben werden kann. Achte wieder auf das Gefühl, das durch diese Vorstellung ausgelöst wird und verknüpfe auch dieses mit einer Farbe, einem Ton, einem Duft usw. Hat man z.B. eine Farbe, so wäre das Visualisieren dieser Farbe der Zielimpuls für einen Zeitliniensprung.

Der Zeitliniensprung der Wüstenmakrelen

Der legendärste und – was die momentane Quellenlage anbelangt – der erste überlieferte Zeitliniensprung ist zweifellos der der Wüstenmakrelen. Wer diesen Sprung einmal durchgeführt hat, dem fallen alle nachfolgenden Sprünge leichter. In den ältesten Überlieferungen, die heute niemand mehr kennt, soll sogar die Rede davon sein, dass es dieser Sprung war, der das Wesen der Welt veränderte und so Zeitliniensprünge überhaupt erst möglich machte. Jeder sollte diesen Sprung einmal im Leben gemacht haben. Diese Arbeit ist also eine gute Möglichkeit, dies hinter sich zu bringen. Jene Überlieferungen stammen aus dem alten Sinos, einer antiken Metropole, die nicht weit von der nordafrikanischen Atlantikküste zu verorten ist. Die Magier des alten Sinos galten als Meister des Zeitliniensprunges, die es sogar verstanden, ihr ganzes Reich auf eine andere Zeitlinie zu transferieren. Als die Römer in Nordafrika landeten, waren sie überzeugt, dass es eigentlich schon immer Karthago war, das sie zerstören wollten… Es gibt die Theorie, dass es sich bei Sinos eigentlich um Atlantis handeln soll, doch diese Theorie entbehrt jeder seriösen Grundlage. Tatsächlich wissen wir kaum etwas über Sinos – alles was wir über den Zeitliniensprung der Wüstenmakrelen wissen, entstammt aus dem großen Roman, der dieses Ereignis beschreibt. Aber eigentlich ist nur eine Rezension dieses Romans erhalten: Demnach wird am Anfang des Werkes über drei Seiten die Vision und der Aufbruch der Wüstenmakrelen beschrieben: Während diese, wie es so ihre Art ist, sich in einem großen Schwarm im Meer tummeln, wird eine der Makrelen (deren überaus erstaunliche Lebensgeschichte nochmal ein ganz anderes Thema ist) von einer Vision übermannt. Diese Vision inspiriert sie, das Meer zu verlassen und neue Lebensräume in der nahegelegenen großen Wüste zu suchen. Voller Enthusiasmus teilt sie diese Vision mit den anderen Makrelen und begeistert sie, reißt sie mit, erzeugt neue Visionen in jeder Einzelnen und im ganzen Schwarm. Die Atmosphäre ist geprägt von Begeisterung, Aufbruchstimmung und dem Wissen, Teil eines großen Umbruchs zu sein. Nach dieser Einleitung machen sich die Makrelen zum großen Sprung in die Wüste bereit. Danach, so ist der Rezension zu entnehmen, ändern sich Stimmung und Tonlage des Romans dramatisch und grundlegend und nur eine halbe Seite später endet der Roman, der sich demnach über dreieinhalb Seiten erstreckt. Was genau geschehen ist, verrät uns dieser Text nicht. Was wurde aus den Makrelen? Zunächst wurde allem Anschein nach angenommen, dass die Makrelen diesen Sprung nicht überlebten. Erhärtet wurde die Annahme durch den Umstand, dass in der Wüste, unweit der Küstenlinie, Fischgräten, genauer gesagt Makrelengräten gefunden wurden. Doch zu diesem Zeitpunkt war der Roman bereits verschollen – wie es den meisten Romanen in Sinos erging, nachdem diese von einem Menschen gelesen worden waren. Zum Glück schrieb dieser eine Mensch eine Rezension – was bemerkenswert war – doch die bemerkenswerte Lebensgeschichte dieses Menschen ist nochmal ein ganz anderes Thema. Bald jedoch wurden Zweifel an dieser Deutung der Geschehnisse laut, vor allem nachdem man in der Nähe der Makrelengräten auch die Überreste einer Karawane fand, der wohl die geradezu absurde Wahl ihrer Reittiere zum Verhängnis wurde. Damals ritten die Karawanen ja bekanntlich auf den abenteuerlichsten Tieren durch die Wüste . doch diese hatte es wohl eindeutig übertrieben. In der Wüste, ohne Wasser, gaben ihr die mitgeführten gesalzenen Makrelen wohl den Rest. Nun, sei es wie es sei, dadurch stand fest, dass die gefundenen Gräten nicht von jenen Makrelen stammen konnten, die den großen Sprung gewagt hatten und alles war wieder offen. Die großen Magier von Sinos erkannten, dass den Makrelen tatsächlich ein echter Zeitliniensprung gelungen sein müsste und dies war Ansporn, die Kunst der Zeitliniensprünge zu perfektionieren. In der alten Welt waren diese Magier bald für ihre vollkommene Beherrschung der Zeitliniensprünge berühmt, bis sich ganz Sinos mit einem solchen höchst vollendeten Sprung auf eine andere Zeitlinie verlagerte und so alles was man jemals über sie gewusst hatte, aus dieser Welt verschwand. Nur Wenige gelangten seither nach Sinos und alles was sie in diese Welt brachten, war die Rezension jenes Werkes, das vom Zeitliniensprung der Wüstenmakrelen handelt. Und auch diese ist schon lange verloren und vergessen…

ABLAUF DES ZEITLINIENSPRUNGES:

Nachdem die Vorbereitung gelaufen ist, und die zwei oder mehr Zielimpulse verfügbar sind, invoziert man sich in eine Makrele, die als Teil eines großen Schwarmes im Meer schwimmt. Man lässt die Vision des großen Sprungs in die Wüste entstehen, gibt sich dieser Vision hin und teilt diese mit dem Schwarm, lässt sich vom Schwarm inspirieren. Langsam steigt die Spannung und man macht sich für den großen Sprung bereit und tut dieses kund. Die Töne der Makrelen sind für menschliche Ohren natürlich nicht hörbar – könnte man sie hören, würden sie sich etwa so anhören: “Nschah, nscheh, nschah” was übersetzt in etwa bedeutet: “Voran, voran, die Wüste ist unser!” Irgendwann springt die erste Makrele und die anderen folgen ihr – im Sprung aktiviert man spontan einen der Zielimpulse und wechselt so auf die entsprechende Zeitlinie. Dann schaut man einfach, wohin man gekommen ist und wie es da so ist. Um wieder auf diese Zeitlinie zurückzugelangen, verschränkt man die Hände und klopft mit den Daumenspitzen sanft auf die Wurzel des anderen Daumens (dies funktioniert, weil Makrelen so etwas mit ihren Flossen nicht zustande bringen können). Gleich was man bei diesem Zeitliniensprung erlebt haben mag, man wird feststellen, dass die Zeitliniensprünge nun viel besser funktionieren.

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