Die zwölf Mantren des Scheißens


von Frater Pandagaz 247

Diese Arbeit ist einer österreichischen Schwester gewidmet, die mir auf dem Frühjahrstreffen 2009 der österreichischen Sektion das Standardwerk „Kraft zum Scheißen“ von S.C.Heisse (ISBN 3-8311-3641-6) unter der Bedingung schenkte, dass ich ein Ritual daraus machen würde. Das hier ist daraus geworden.

Der Tempel ist aufgebaut wie eine öffentliche Toilette, im Hintergrund läuft eine CD, die geradezu perfekt für diese geführte Licht-und-Liebe-Meditation geeignet ist: „Chakra Meditation“ (nur Musik) von Sharamon/Baginski und Merlin’s Magic. Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer erhält ein Stück Toilettenpapier; vor dem RL steht eine schöne Porzellanschüssel, die mit Toilettenpapier abgedeckt ist. In ihr befindet sich, für die anderen noch nicht zu sehen, das Sakrament: Rahmspinat mit soviel Ketchup, dass er einen schönen grünlich-braunen Farbton angenommen hat. Es wird empfohlen, ihn über Nacht ziehen zu lassen, damit auch die gewünscht Glitschigkeit erreicht wird.

Der Ritualleiter spricht den Text und die anderen hören einfach zu und visualisieren das, was gesagt wird.

Der Text lautet in etwa wie folgt, kann aber natürlich modifiziert werden (genau genommen lebt die Arbeit u.a. von der Spontaneität des RL, der die Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis für alle machen sollte:

„Du betrittst eine versiffte Bahnhofstoilette und öffnest vorsichtig eine ekelhaft aussehende Kabinentür. Um so überraschter bist Du, als Du vor Dir eine Schüssel siehst, so rein und weiß, dass selbst die Jungfrau Maria glücklich wäre, wenn sie dort einen Haufen hereinsetzen dürfte. Du schließt die Tür ab, ziehst die Hose herunter, setzt Dich und gehst in Dich. Tief in Dir spürst Du eine intensive Wärme in Magen und Därmen. Du entspannst den Schließmuskel und atmest tief durch.

Das erste Mantra des Scheißens kommt Dir in den Sinn:

Im stillen Örtchen liegt die Kraft“

Ja, dies ist fürwahr ein Kraftort. Du lauschst und nimmst die Stille um Dich herum wahr, aber auch ein gelegentliches Geräusch. Vielleicht hörst Du ein Plumpsen in der Ferne, vielleicht ein erleichtertes „ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh“, vielleicht auch das Abreißen von Papier. Du weißt, Du bist angekommen – hier gehörst Du hin. Hier gibt es nichts unreines oder böses, nur Licht und Liebe. Nun bist Du bereit für die innere Vorbereitung, wobei Dir das zweite Mantra des Scheißens hilft:

Ich weigere mich, meinen Arsch zusammenzukneifen“ Ja, das ist die richtige Einstellung. Zum einen kommt, wie bereits Martin Luther erkannt hat, aus einem verzagten Arsch noch nicht einmal ein fröhlicher Furz und zum anderen gilt nach wie vor: wer scheißt, bleibt! Viele haben sich schon verpißt, aber noch keiner hat sich verschissen. Pisse ist die leichte Flucht, Scheiße das schwere Bleiben. Und Du bist gekommen, um zu bleiben. Da Du nun die richtige Einstellung erreicht hast, gibst Du Dein Statement ab, das Deine positive Einstellung zum Scheißen zementiert. Dieses Statement ist das dritte Mantra des Scheißens, das da lautet:

Ja, ich mache Scheiße. Und das ist gut so“ Klaus Kinski sagte einmal in einer seiner Rollen: „Du hast wie ein Stück Scheiße gelebt und Du wirst wie ein Stück Scheiße sterben“. Dies ist eine negative Einstellung zu Scheiße, die Du nicht teilen kannst. Im Gegenteil, Du gehst positiv an das Thema heran, denn wer scheißt, ist erleuchtet – lebt er doch weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft, sondern voll und ganz im Hier und Jetzt. Man sieht den Haufen in der Schüssel glänzen, fühlt die Leichtigkeit im Darm und verspürt ganz im Hier und Jetzt wieder die Lust auf etwas Appetitliches. Ja, so wirst Du an die Sache herangehen. Du bist glücklich. Nun beginnst Du, das in Deinem Darm zu sammeln, was Dich belastet, was Dich bedrückt. Und Du fasst mit dem vierten Mantra des Scheißens den Vorsatz, all das im Süden herauszulassen:

Ich kotze mich nicht aus – ich drücke raus, was mich bedrückt“ Und Du sammelst alles an negativen Eindrücken – Eindrücke optischer, akustischer, aromatischer und taktiler Natur. Und Du sammelst, weiter und weiter und weiter. Du spürst, wie sich in Deinem Darm immer mehr sammelt, wie die dicke Ader auf Deiner Stirn anschwillt, während Du immer weiter sammelst und verdichtest. Zugleich spürst Du das pralle Leben in Deinen Därmen – Du genießt die Arbeit des Darms und spürst jede Bewegung der inneren Windungen. Die Zotten wogen sanft hin und her wie ein Gerstenhalm auf dem Acker im milden Frühlingswind. Lausche dem Rhythmus der Kontraktionen, genieße den Druck und verspüre die Vorfreude auf das, was nun bald passieren wird. Verdiechte weiter, spüre weiter in Dich hinein – und PRAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAATSCH. Mit dem fünften Mantra des Scheißens wird Dir klar:

Die explosive Kraft des Scheißens hat mich befreit Oh ja – Du spürst eine Befreiung. Der Druck lässt nach und Du denkst Dir: Wer Sex für das schönste auf der Welt hält, hat noch nie richtig geschissen. Du bist frei. Gehe auf in dieser Freiheit und spüre in sie hinein — und bald wirst Du feststellen, dass Du nicht nur frei bist, sondern auch rein. Das sechste Mantra des Scheißens kommt Dir in den Sinn:

Scheißen ist Katharsis. Diese Katharsis reinigt mich und bringt mir inneren Frieden“ Gehe in diese Reinheit hinein. Du bist rein, unschuldig wie frisch gefallener Märzenschnee. Spüre die Reinheit und den Frieden, den diese Reinheit Dir beschert. Und Du erkennst, dass der Innere Friede nunmehr auch zum Frieden nach außen wird, denn wer andere nicht bescheißt, der wird auch nicht beschissen werden. Spüre den Frieden, das Licht und die Liebe, die von Dir in die Welt ausgeht und genieße … Nun drehst Du Dich um, atmest tief ein und betrachtest voller Stolz und vielleicht auch mit ein wenig Demut Dein Werk. Und Dir fällt auf, dass dieses Werk Dir nicht nur Befreiung, Reinigung, Inneren und Äußeren Frieden schenkt, sondern auch noch eine Erkenntnis, die im siebten Mantra des Scheißens zusammengefasst ist:

Ich blicke gern zurück, und ich erkenne, dass alles in der Welt sich wandelt“

Die Wandlung. Nichts bleibt wie es ist – Altes wird zu Neuem, wie bei den Katholiken das Esspapier zum Leib und der Rotwein von Aldi (für Österreich: Hofer) zum Blut Christi. Und Du erkennst zugleich, dass DU der Schöpfer bist, der Altes in Neues verwandelt hat. Nicht zu Unrecht hat Bertold Brecht dereinst gesagt: „Der Mensch ist die Krone der Schöpfung; er kann aus einem Paradiesapfel Scheiße machen“. Scheißen ist Produktivität, ist Schöpfung und Du als Scheißer bist der Schöpfer. Spüre in Dich hinein, Du Scheißer und Schöpfer und gehe in Deiner Größe auf. Zugleich merkst Du aber, dass Du als Schöpfer von Deiner Schöpfung in einem gewissen Rahmen in die Schranken gewiesen wirst. Denn nicht ohne Grund lautet das achte Mantra des Scheißens:

Meine Scheiße lehrt mich Demut. Denn das Geschöpf ist größer als der Schöpfer“ Dass dies der Wahrheit entspricht, wird Dir klar, als Du folgende Rechnung aufstellst: Wenn Du pro Tag nur 200 Gramm Scheiße produzierst (das entspricht dem Gewicht von zwei Tafeln Schokolade), kommst Du im Jahr auf 73 kg. IN 10 Jahren bist Du bei 730 kg und in 50 Jahren bereits bei 3.650 kg und in 75 Jahren sogar bei 5.475 kg oder bei fast 5 ½ Tonnen! Stelle Dir diese Menge gesammelter Scheiße auf einem Haufen neben Dir vor. Zum Vergleich: Der größte See-Elefant der Welt, der südliche See-Elefant wird nach bestätigten Berichten lediglich bis zu dreieinhalb Tonnen schwer. Selbst ein Elefant kann, je nach Art, im Durchschnitt zwischen 2 und 5 Tonnen Körpergewicht und eine Größe von bis zu 4 Metern erreichen. Dein Geschöpf ist schwerer als Elefanten und See-Elefanten! Und das lehrt in der Tat Demut. Gehe in diese Demut tief hinein und verspüre Größe und Demut zugleich. Dies bringt Dich zu einer weiteren Erkenntnis, die Dich das neunte Mantra des Scheißens lehrt:

Ich bin, was ich scheiße“

Oh ja, Du bist nicht, was Du isst, Du bist das, was Du aus dem machst, was Du isst. Alles ist eins und Du und Deine Schöpfung bilden keine Ausnahme: Du bist Schöpfer, Paradiesapfel und Scheiße zugleich – eine heilige Dreifaltigkeit.. Und diese Erkenntnis Deiner heiligen Dreifaltigkeit lässt Dich den Vorsatz fassen, Deine Scheiße stetig zu verbessern. Du nimmst Dir vor, künftig permanent zu arbeiten an noch besserer, wärmerer, aromatischerer Scheiße in bester Farbgebung und Konsistenz. Verinnerliche diesen Vorsatz und atme noch mal tief ein – Du riechst den Geruch Deiner selbst, Deiner eigenen heiligen Dreifaltigkeit. Nun, da Du gereinigt bist, den Duft der Freiheit gerochen und göttliche Größe, Dreifaltigkeit, Demut und Selbsterkenntnis verspürt hast, kommt Dir eine weitere Erkenntnisse, die Dir dein Alltagsleben künftig erleichtern wird: Du kannst loslassen. Das bestätigt das zehnte Mantra des Scheißens, das da lautet:

Scheißen hat mich loslassen gelehrt. In mir wohnt ein gesunder Geist“ In der Tat, Du hast gelernt loszulassen. Du musst nicht mehr auf Sorgen und Ängste scheißen, Du scheißt sie einfach aus. Auch Verlustängste können Dich nun nicht mehr plagen, denn Du weißt: alles kann abfallen, wenn man sich nur gepflegt hinsetzt und es entweichen lässt. Und Du hast auch gespürt: je größer die ursprüngliche Unfreiheit war, um so härter ist die ganze Scheiße und um so tiefer mögen die Risse im Schließmuskel sein, aber Du hast losgelassen. Und so trägst Du auch einen etwaigen Rosettenschmerz mit Stolz, denn bereits der Weise Hornbach sagte: Schmerz ist Schwäche, die den Körper verlässt. Und davon hat auch Dein Geist profitiert. Du weißt nun, wie Du mit allem Negativen umzugehen hast. Laß’ es einfach los – und dem Geist Raum für wichtigere Dinge als die ganze Scheiße, die Dich belastet. Nachdem Du all die positiven Aspekte des Scheißens verspürt und verinnerlicht hast, fasst Du den Vorsatz, der dem elften Mantra des Scheißens entspricht:

Ich bin ein guter Geschäftsmann/eine gute Geschäftsfrau. Ich mache täglich mein Geschäft“ Wer, wenn nicht Du (und vielleicht noch Dieter Bohlen), sollte Scheiße in Gold verwandeln können? Das ist höhere Alchemie, deren Weihen Du soeben erhalten hast. Und schließlich ziehst Du für Dich das im zwölften Mantra des Scheißens zusammengefaßte Fazit:

Scheiße ist positiv. Ich kann Scheiße wieder in den Mund nehmen“

Lasse Dir das auf der Zunge zergehen und verinnerliche diesen Gedanken. Wische Dir nun mit dem Papier den Hintern ab, betrachte Deine Schöpfung ein letztes mal mit Respekt und ziehe mit einem lauten „PAWUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUSCH“ die Spülung. Dein Werk ist in den ewigen Kreislauf der Schöpfung eingegangen und wird nun zu etwas neuen werden. Du aber kannst nun die Hose wieder hochziehen und auf den Ritualleiter warten, der Dir das Papier abnehmen und aus der Schöpfkelle einen guten Schluck Sakrament geben wird.

Danke, dass Ihr diesen Scheiß mitgemacht habt“.

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